Zermatt
Adi über das Lieblingsskigebiet seiner Frau
«Es ist nicht nur das Matterhorn, das alles überragt...», so oder so ähnlich beginnt jede Lobhudelei auf Zermatt. Das Winterskigebiet, wohl gemerkt. Wer im Sommer hier hin fährt, der muss jeck sein. Außer zum Wandern, natürlich. Aber wer will schon unter unübersehbaren Gondelmasten nach Murmeltieren Ausschau halten? Oder Wandern, wenn einem die Halbschuhtouristen von oben entgegen kommen, wo man doch schon um halb fünf gefrühstückt hat, um die große Höhe zu erklimmen?
Sommerskigebiete haben etwas Bedrückendes an sich. Da sind die Gestalten, die nur im Sommer zum Ski fahren fahren können, weil ihre Autos so tiefgelegt sind, dass sie ohnehin keine Schneeketten auflegen könnten. Und außerdem kommt das dem Wasserskifahrer entgegen, der hier wunderbar üben kann. Dann sind da die gigantischen Erschließungsanlagen, die notwendig sind, das Skigebiet überhaupt zu erreichen.
Leider verderben diese Gestalten auch die Preise. Immer mehr wird das Ski fahren in Zermatt zu einem Vergnügen für die, die mehr als besser verdienen. Eine Woche Skiurlaub für eine Familie mit zwei Kindern, ist eine teure Sache, auch mit preiswertem Appartement, ohne Ausgaben für Après-Ski und ohne Mittagessen auf der Hütte. Der hohe Stand des Schweizer Franken macht die Sache nicht leichter. Der nachlassenden Zahl der Touristen und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten des produzierenden Gewerbes sowie einem unaufhaltsamen Anstieg der Kosten im Gesundheitswesen steht ein Anstieg des Wechselkurses gegenüber, dem nur noch die Engländer gelassen gegenüber stehen. Noch. Leider. Denn deren Benehmen und Disziplin ist auch nicht mehr das früherer Zeiten. Aber sie zahlen.
Zermatt war bis vor Kurzem ein Skigebiet für seltene Vögel, sofern sie nicht des Matterhorns wegen kamen. Da gab es eine Reihe überlasteter Beförderungsanlagen, hinauf zum Rothorn, die Gondel zum Schwarzsee oder nach Furrg oder - fast schon anachronistisch - die Schleppliftkombination vom Gant zur Roten Nase. Die Materialbeförderung zwischen der Roten Nase und Hohtälli kennt nur noch meine Frau. Dann die Bahnverladung ab Täsch und die Elektroautos im Ort.
Aber irgendwie war das alles extrem originell. Nichts für die Tussies, die den Kofferraum eines Mercedes brauchen, um das Gepäck für eine Skiwoche zu transportieren: «Zermatt? Zu mühsam», höre ich sie sagen, diese Königinnen der Halbtageskarte. Und für die war das Gebiet auch nicht gedacht. Das wird sich nun ändern. Die einfachen Teile des Gebiets werden ausgebaut, die aufregenden, schweren, herausfordernden, sportlichen Teile werden vielleicht bald verschwunden sein. Das Mittelmaß hält Einzug und mit ihm die schlechten Manieren beim Anstehen an den Gondeln. Meine Kinder schütteln den Kopf über diese unbeholfenen Gestalten: «Warum machen die die Gondeln nicht voll? Wir können das doch auch!». «Ihr seid auch sehr erwachsen», antworte ich ihnen. «Wenn sie das Stockhorn schließen, kommen wir ohnehin nicht mehr her.»