Der Whisky Trail
Das Tal der Whisky Destillerien
Gegen die Westküste ist die Ostküste Schottlands eher ein wenig langweilig. Ich
trampe an einem Tag von den Orkneys bis Inverness, wo ich wieder in der JH
absteige. Von dort geht es weiter nach Aviemore, dem Wintersportzentrum
der britischen Inseln. Ich hatte mir die Cairngorm Mountains vorgenommen,
aber das schlechter werdende Wetter (Mai ist nun mal der beste Monat für diese
Gegend) macht eine Bergbesteigung zunichte. So warte ich noch einen Tag ab -
und ziehe dann nach Tomintoul, aber auch hier ist das Wetter schlecht. So nehme
ich den «Whisky Trail», die berühmte Straße durch das Tal der Spey, wo eine Whisky
Destillerie nach der anderen liegt, aufgereiht wie an einer Perlenschnur.
Ich besuche am Morgen «The Glenlivet», die sich damit rühmen, für
den Prince of Wales exklusive, reife Lieferungen zusammen zu stellen. In den
Lagerhäusern sind uralte Fässer gelagert. 12 Jahre alter Whisky ist der jüngste,
der hier in den Handel geht. Da ich ein früher Gast bin, muss ich auf eine Führung
warten. Dabei treffe ich an der Rezeption auf einen pensionierten Vorkoster,
der hier sein tägliches Deputat bekommt, und komme so in den Genuss eines nicht
käuflichen Whiskies, der 68% Alkoholgehalt hat. Ein einzigartig weicher Tropfen.
Das Wort Whisky, das die Iren «Whiskey» schreiben, heißt in der gälischen
Sprache etwa «Wasser des Lebens». In Schottland wurde das klare Destillat in
ausgedienten Sherryfässern gelagert, was ihm seine karamellartige Farbe
verlieh. Heute ist das getürkt. Damit die Anzahl von Fässern und mit ihnen auch
der Lageraufwand gering blieb, wurde der Brennvorgang wiederholt, womit sich der
hohe Alkoholgehalt erklärt. Vor der Auslieferung wurde der Whisky dann auf etwa
40% verdünnt.
Es gibt aber noch eine weitere Besonderheit, die dem schottischen Whisky die
Bezeichnung «Highland Malt» eingetragen hat. Die Maische wurde nicht direkt gebrannt,
sondern einer Vorgärung unterzogen, dem Malzen. Das Trocknen des Korns nach der Malze
geschah durch ausstreuen auf Dielen, die einen Doppelboden bildeten. Durch den
Boden zog, einer Fußbodenheizung gleich, warme Luft aus Torffeuern, dem einzigen
Heizmaterial nach dem Abholzen der Highlands. Durch die Ritzen ausströmender Rauch
gab dem Korn so seinen letzten Touch und dem Whisky seinen rauchigen Geschmack.
Die Briten wären nicht dieselben, hätten sie nicht auch für den Alkoholgehalt ein eigenes Maß: Auf einer Skala bis 175, genannt Proof (Normalstärke), wurde der Whisky zu 70 Proof (40%) oder 100 Proof (57%) verkauft. Gebrannt und gelagert wurde er als 120 Proof. Auch auf den Inseln gibt es zahlreiche Destillerien und der Whisky dort nennt sich folgerichtig «Island Malt». Heute sind fast alle Hersteller in der Hand großer Konzerne. Und die Studenten, die die Führungen machen, kannten breits 1993 kaum noch die Bedeutung dieser Maßeinheiten.